Geschichte der Stickerei (#4) – Walpurgisnacht & das Opus Anglicanum

Servus, liebe Stickfamilie!

Vor kurzem habe ich auf einem meiner Inselspaziergänge eine liebe alte Freundin von mir wiedergetroffen: Cathy Donovan, eine begnadete Stickerin aus Wessex in England. Wir haben geplauscht wie‘s nur derrische Dschesn wie wir können und sind dabei natürlich auch auf die gerade vergangene Walpurgisnacht gekommen.

„Wusstest du,“ fragte mich Cathy nebenbei, „dass die Walpurgisnacht nach einer englischen Heiligen benannt ist, die in Deutschland missionierte?“ Zugegebenermaßen nicht. Ich dachte eher an Hexen und Zaubertränke und garstige Fratzen. Also erzählte mir Cathy die Geschichte von St Walpurgia. Und auch wie ihr Leben mit einer der Hochblüten der englischen Stickerei, dem sogenannten „Opus Anglicanum“, zusammenhing.

St. Walpurgia – Nonnen & Stickerei-Klöster

Um 710 n. Chr. wurde Walburga in Devon, Wessex, geboren. Sie war ein Kind reicher Eltern, die beide früh starben. Als sie rund 11 Jahre alt war ging sie als Vollwaise ins Kloster in Wimborne Minster (siehe oben). In ihrer Familie gab es einige geistliche Vorbilder: mehrere ihrer Brüder waren als Missionare in Deutschland unterwegs und sie war die Nichte des Hl. Bonifatius, der als einer der ersten gezielt auch auf weibliche Missionare setzte.

Sie verbrachte rund 26 Jahre als Nonne in Wimborne Minster und wurde dort auf ihre zukünftige Rolle als Missionarin vorbereitet. Außerdem war das Kloster eine Hochburg der englischen Stickkunst. Nonnen arbeiteten hier an Kunstwerken in der Tradition des „Opus Anglicanum“ (siehe unten) – es ist also sehr wahrscheinlich, dass Walburga selbst auch ihr Glück mit Nadel und Faden versucht hat!

Als sie schließlich ihren Brüdern über den Ärmelkanal folgte, wurde sie zu einer der mächtigsten Frauen im damals noch heidnischen Deutschland. Als Äbtissin des Klosters Heidelheim leitete sie ein Doppelkloster von Mönchen und Nonnen – eine Form des Klosters, die es heutzutage kaum noch gibt. Sie wurde am 1. Mai heilig gesprochen, weswegen die Nacht zuvor nun als „Walpurgisnacht“ bekannt ist. Und da das Walpurgisfest mit jenem Datum zusammenfällt, an dem sich traditionell Hexen am „Brocken“ (/„Blocksberg“) treffen, wird manchmal fälschlicherweise angenommen, dass Walburga selbst eine Hexe war!

Das Opus Anglicanum – Blütezeit der englischen Stickkunst (~1150-1350)

https://www.vam.ac.uk/articles/medieval-mythologies

Die Nonnen von Wimborne waren beileibe nicht die einzigen, die am Opus Anglicanum (lat. „englisches Werk“) arbeiteten. Über die Jahrhunderte hatte sich eine starke Sticktradition in vielen englischen Klöstern etabliert. Weil die englische „Nadelmalerei“ im ganzen mittelalterichen Europa heiß begehrt war, wurde in London ein professionelles Stickatelier nach dem anderen gegründet.

Zur Hochzeit des Opus Anglicanum, im 13. und 14. Jahrhundert, arbeiteten hier unzählige Sticker und Stickerinnen an kirchlichen und weltlichen Kunstobjekten. Dazu gehörten Buchumschläge, Alltagskleidung, Reitzubehör, Stolen, Almosenbeutel, liturgische Gewänder und Altarstoffe, wie Antependia.

Diese Objekte waren derart luxuriös, dass sie von König Henry III. als Diplomatengeschenke versendet wurden. Aufgrund der Kreuzzüge hatte England Zugriff auf allerlei wertvolle Materialien und komplexe Motive aus dem Osten (zB den Weltenbaum), die von englischen Künstlern verarbeitet wurden. Gold- und Silberfäden, edle Perlen und feine Leinen- oder Samtstoffe trafen hier aufeinander.

https://en.wikipedia.org/wiki/Opus_Anglicanum#/media/File:Opus_Anglicanum_Example_in_the_care_of_the_Berne_Historical_Museum_in_Switzerland.jpg

Besonders beeindruckend war der Effekt dieser metallischen Fäden im Kerzenlicht – zum Beispiel bei einer abendlichen Messe. Nächste Woche werde ich euch den Klosterstich (/Überfangsstich) zeigen, mithilfe dessen ein Gewand schillern kann wie ein Fischschuppenmuster.

Heutzutage gibt es leider nur noch wenige Werke, die aus dieser Zeit stammen. Oft wurden die Stoffe entweder vernachlässigt oder im Laufe der Zeit aufgedröselt und zerschnippselt, damit die wertvollen Rohmaterialien neu verwendet oder verkauft werden konnten. Manchmal nahmen die Besitzer ihr Opus Anglicanum auch wortwörtlich mit ins Grab! Eine der umfangreichsten Sammlungen erhaltener Objekte befindet sich im Victoria und Albert Museum im London – was Cathy zumindest stark empfehlen kann.

http://thedesignkollektiv.com/opus-anglicanum-masterpieces-english-medieval-embroidery-v-a/

Opus Anglicanum: Frauen als Künstlerinnen & Mäzeninnen

Auch sehr interessant (und vielleicht unerwartet) ist die Rolle die Frauen im Hinblick auf das Opus Anglicanum spielten. Wie bereits erwähnt, arbeiteten unzählige Nonnen über Jahrhunderte hinweg fleißig daran, diese Kunstrichtung zu perfektionieren – aber es gab durchaus auch professionelle Stickerinnen, die gemeinsam mit Stickern in englischen Gilden arbeiteten und auch bezahlt wurden. Dies galt vor allem für „feme sole“, alleinstehende Frauen, aber auch verheiratete Frauen konnten, falls sie länger als 7 Jahre im Atelier ihres Mannes mitgearbeitet hatten, dieses nach seinem Tod übernehmen.

Ein besonders herausragendes Beispiel ist Mabel of Bury St Edmunds. Sie lebte im 13. Jahrhundert und war derart begabt, dass König Heinrich III. selbst sie in seinen königlichen Aufzeichnungen erwähnte und eine Kasel und einen Banner bei ihr in Auftrag gab. Noch erstaunlicher war, dass er vehement darauf bestand, dass sie fair bezahlt werden solle und sogar ein Experten-Gremium einberuf, um den Wert ihrer außergewöhnlichen Arbeit zu schätzen. Nach der Fertigstellung ihrer Werke erhielt sie außerdem alle wertvollen Materialien, die bestellt, aber nicht verwendet worden waren.

Auf der anderen Seite der gesellschaftlichen Waagschale gab es auch viele weibliche Kunstmäzeninnen, die kraft ihrer Stellung neue Werke in Auftrag geben konnten. Margaret de Clare gab beispielsweise den „Clare Chasuble“ (die Clare-Kasel) in Auftrag:

http://thedesignkollektiv.com/opus-anglicanum-masterpieces-english-medieval-embroidery-v-a/

So, das war’s für heute! Falls ihr selbst auch etwas besticken wollt, schaut’s doch bei uns in der Stickschule vorbei. Oder lasst euch gleich etwas von uns besticken – dann habt ihr die ganze Freud und erspart euch die Müh. Ganz lieben Dank an die Cathy für ihre englischen Weisheiten – vergesst nicht: nächste Woche kommt der Klosterstich!

Pfiat euch und passt’s auf euch auf,
eure Stick-Omi Otti

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